DHM-Ausstellung: Gründerzeit 1848 – 1871.

In den Geschichtsbüchern wird die Zeit zwischen der gescheiterten Revolution von 1848/49 und der Reichsgründung von 1871 oftmals eher stiefmütterlich behandelt. Zu Unrecht, eingedenk der Vielzahl an Firmengründungen, dem Aufschwung in der Montanindustrie und am Aktienmarkt sowie der Entwicklung der Eisenbahngesellschaften. Das Deutsche Historische Museum (DHM) hat nun dieser “Gründerzeit 1848-1871. Industrie & Lebensträume zwischen Vormärz und Kaiserreich” eine eigene Ausstellung gewidmet.

In der deutschen Geschichtsschreibung zum langen 19. Jahrhundert gilt das Scheitern der Revolution 1848/49 zumeist als Zäsur. Erst mit Bismarck und der Reichsgründung 1871 geht die Geschichtsdeutung unter dem Primat der Politik wieder voran. Doch betrachtet man diese Zeit aus dem Blickwinkel der Bürger, dann steht sie neben revolutionärer Morgenröte und dem Willen zur gesellschaftlichen Umgestaltung auch für industriellen Aufschwung oder die Entwicklung neuer Verkehrsnetze. In dem Zusammenhang fällt der Blick auf eine unternehmende Generation, die von dem Scheitern der 1848er Revolution geprägt wurde und deren Energie sich in den folgenden Jahrzehnten in Wissenschaft und Technik, in Unternehmergeist aber auch in politischen Bestrebungen niederschlagen sollte.

Zwischen Kohle und Stahl, Arbeiterkappe und Zylinderhut, Goethe und Wagner, Bismarck und Marx, Bürgerglück und Städtewachstum: Die wirtschafts- und kulturgeschichtlich orientierte Epochenausstellung des DHM behandelt den industriellen Aufschwung, die Entstehung einer neuen Warenwelt und zugleich den Fortschrittseifer und die Lebensträume des unternehmenden Bürgertums zwischen Vormärz und Kaiserreich. Damit widmet sich das Museum zum ersten Mal der Darstellung der “Gründergeneration”, als in wenigen Dezennien die Basis für die Entwicklung der Volkswirtschaft gelegt wurde. So werden nicht nur “Gründerväter” wie Krupp und Siemens, Opel und Pfaff, Henkell und Söhnlein, Maffei und Krauss, Faber, Villeroy, Boch, Haniel etc. vorgestellt. Die Ausstellung befasst sich ebenso mit politischen und sozialen Gründungen, von Ferdinand Lassalle über August Bebel und Adolf Kolping bis zu den Gründervätern des deutschen Genossenschaftswesens, Schulze-Delitzsch und Raiffeisen.


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Darüber hinaus beschäftigt sich die von Dr. Ulrike Laufer kuratierte Ausstellung auch mit den Schattenseiten der industriellen Entwicklung. So sorgten beispielsweise Landflucht und Arbeitskräftemangel für einen rasanten Anstieg des Arbeiteranteils in den frühen Industriemetropolen, die darauf weder mit ihrer Infrastruktur noch mit ihrem Wohnraumangebot vorbereitet waren. Soziales Elend und Epidemien in den Arbeiterquartieren gehörten für einen wachsenden Anteil der Bevölkerung zum Alltag.

Stimmen zur Ausstellung

Was die museale Präsentation der Geschichte zwischen Revolution und Reichsgründung angeht, so bezeichnet Eckhard Fuhr in der WELT die “Gründerzeit”-Ausstellung als eine Pioniertat. Schließlich sei die – ästhetisch nicht sehr ergiebige – Epoche bei den Museen nicht gerade sehr beliebt. Auch würdigt er die “großartige Leistung”, 750 Objekte aus Dutzenden von Museen und privaten Sammlungen zusammen zu tragen. Allerdings: Wer sich ein wenig mit dem 19. Jahrhundert beschäftigt habe, dem werde vieles in der Ausstellung bekannt vorkommen. So originell sei der Ansatz des DHM nun einmal nicht. Nach Meinung Fuhrs fehlen der Ausstellung – abgesehen vom Traditionsbanner der SPD von 1873 – auch große, spektakuläre Objekte. Man müsse sich in das Kleinteilige vertiefen, um Gewinn aus dem Ausstellungsrundgang ziehen zu können.

Persönlicher Kommentar: Es ist ohne Zweifel ein viel versprechendes und interessantes Thema, dem sich das DHM mit dieser Ausstellung widmet. Bei der Umsetzung hat man in meinen Augen jedoch Potenzial verschenkt. Die zahlreichen Objekte mit ihrer bereits von Fuhr angesprochenen – ermüdenden – Kleinteiligkeit dürften es auch historisch interessierten Menschen erschweren, von dieser Ausstellung ein “rundes” Bild der Gründerzeit mit nach Hause zu nehmen. Verbunden mit einer besseren Einbindung der Objekte in die Darstellung des Gesamtbildes dieser Epoche wäre hier weniger deutlich mehr gewesen. Positiv erwähnen möchte zum Abschluss noch die zwischen den Objektbereichen platzierten Litfass-Säulen. Die daran angeschlagenen Aushänge vermitteln interessante Eindrücke von der damaligen Zeit.

«Gründerzeit 1848 – 1871. Industrie & Lebensträume zwischen Vormärz und Kaiserreich.» Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, zu besichtigen vom 25. April bis 31. August 2008 im Pei-Bau des DHM in Berlin, täglich von 10 bis 18oo Uhr. Zur Ausstellung gibt es auch einen umfangreichen Katalog: “Gründerzeit”, Sandstein Verlag, 560 S., 700 Abb..


Nachtrag vom 21. Mai 2008: “Gründerzeit und Gründerkrise” – Filmreihe des DHM im Zeughaus-Kino Berlin


Quelle: DHM, WELT Online
Bilder: Ausstellungsplakat (DHM, gestaltet von Dorén+Köster), Zeche Mittelfeld in Ilmenau (Thüringen) um 1860 (via wikipedia)
(ENDE) geschichtspuls/19.05.2008/mar

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    2 Kommentare
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    1. Diese Ausstellung über die Grünerzeit im Deutschen Historischen Museum (Ich kann Abkürzungen nicht leiden!) ist, wie nicht anders zu erwarten, eine dankenswerte Fleißarbeit. Leider ist dem schlichten Betrachter, wie ich einer bin, ein roter Faden nicht in Sicht, was den Gang durch die Ausstellung erschwert. Außerdem vermisse ich jene Konflikte, die diese Zeit nenneswert geprägt haben. Wenn sie benannt werden, dann doch nur seicht angerissen.
      Hübsche Bilder der Träger der beginnenden Schwerindustrie mit Familien, Villen und Fabriken zeigen Sie. Aber was wurde produziert ? Kochtöpfe ? Bratpfannen ? Vom Beginn der Rüstungsspirale habe ich wenig gesehen. Um Märchenbilder von der “guten alten Zeit” zusammenzutragen, hätte man vielleicht weniger Finazaufwand nötig gehabt.
      Trotzdem danke für die Ausstellung.

      Albrecht Lange

    2. @ Albert Lange:
      …wenn Sie schwere Geschütze und Maschinen erwartet haben, hätten sie doch gleich zu hause bleiben können. Schließlich ist dies der Part, den man noch und nöcher in angelehnten Dokumentationsreihen wiederfinden kann. Die Komplexität des Themas und die Emotionen der Vorzeit werden meiner Meinung nach eh immer vernachlässigt! Oft sind Darstellungen – ob nun fotographisch oder filmisch – nie ein gelungenes Zusammenspiel aus allen Problemsparten…

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