Aus für Berliner Flughafen Tempelhof

In Berlin wird ein Stück Geschichte zu Grabe getragen: Nach 85 Jahren endete am Donnerstag (30. Oktober 2008) der reguläre Flugbetrieb auf dem geschichtsträchtigen Flughafen Tempelhof. Eine Bürgerinitiative zum Erhalt des Cityairports konnte sich im April 2008 nicht mit einem Volksentscheid durchsetzen. Zum Abschied gibt’s hier daher noch mal einen Rückblick:

Beiträge zum Flughafen Tempelhof:
1 – Geschichte des Flughafens
2 – Informationssammlung zum Abschied von Tempelhof

Vor seiner fliegerischen Nutzung war das damals noch vor den Toren Berlins liegende Tempelhofer Feld ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner und diente zudem als Exerzierfeld. 1722 ließ der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm II. hier die erste Parade der Berliner Garnison abhalten. Mit der Entwicklung der Luftschifffahrt wurde schließlich der Grundstein für den späteren Flughafen gelegt. Ab 1885 erhielten die Heeres-Luftschiffer am Westrand des Feldes einen Übungsplatz samt Kaserne und Hangar-Gebäuden. Nach der Jahrhundertwende kreuzte 1909 beispielsweise Graf Zeppelin mit seinem Luftschiff “LZ III” über dem Gelände, der Flugzeugbauer Orville Wright erschien zu Schauflügen und Hubert Latham startete von hier seinen ersten Überlandflug nach Johannisthal.


1923 wurde auf dem Tempelhofer Feld der Berliner Zentralflughafen als erster Verkehrsflughafen der Welt eröffnet. Die erste Strecke führte ins ostpreußische Königsberg (heute Kaliningrad). 1926 begann hier eine Fluggesellschaft, die später zur “Deutsche Luft Hansa” werden sollte, ihren ersten Linienflug nach Zürich. Noch in den 1930er Jahren war Tempelhof vor Paris, Amsterdam und London der meistgenutzte europäische Flughafen.

Nationalsozialisten planten europäisches Luftkreuz

1934 hatte der Flughafen mit 200.000 Passagieren im Jahr seine Kapazitätsgrenze erreicht. Unter Federführung des Architekten Ernst Sagebiel wurde eine Erweiterung auf sechs Millionen Fluggäste geplant und zwischen 1937 und 1941 verwirklicht. Dabei spielte die von Albert Speer geplante Umgestaltung der Reichshauptstadt eine wesentliche Rolle. Nach dem Willen Adolf Hitlers sollte Berlin 1950 als Europas Hauptstadt in Germania umbenannt und der Flughafen Tempelhof zum europäischen Luftkreuz ausgebaut werden. Wenig verwunderlich, dass der Flughafen bei seiner Fertigstellung als das größte Gebäude der Welt galt und auch heute wohl nur vom Pentagon des amerikanischen Verteidigungsministeriums übertroffen wird.

Von der Luftbrücke zur Wiedervereinigung

Aus den Plänen der Nationalsozialisten wurde bekanntlich nichts. Stattdessen fiel Tempelhof nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an die Amerikaner. Weltweite Berühmtheit erlangte der Flughafen dann während der Berlin-Blockade 1948 und 1949. Nachdem die Sowjetunion das damalige West-Berlin abgeriegelt hatte, wurden die Berliner von den Alliierten durch eine Luftbrücke mit Gütern und Lebensmitteln versorgt. Teilweise landeten die “Rosinenbomber”, aus denen mancher Pilot beim Anflug Süßigkeiten für die Berliner Kinder abwarf, alle 90 Sekunden.

Nachdem der Flughafen Tempelhof Mitte der 1970er Jahre durch den Flughafen Tegel abgelöst worden war, wurde Tempelhof bis zur Wende weitestgehend als Militärflughafen genutzt. Erst 1993 wurde das Gelände von der US Air Force an die Berliner Flughafengesellschaft übergeben. Drei Jahre später wurde der Ausbau des Flughafens Berlin-Schönefeld zum künftigen Großflughafen Berlin Brandenburg International (BBI) beschlossen. Im Gegenzug sollen die Flughäfen Tempelhof und Tegel geschlossen werden. Am Donnerstag ist es nun für Tempelhof soweit…


Interessante Links zum Thema
- Der Streit um Berlins ältesten Flughafen (ein Themenspecial des Regionalsender RBB);
- Tempelhofer Feld – Zentralflughafen (Umfangreiche Seite zur Geschichte des Flughafen Tempelhofs)
- Zur Geschichte des Tempelhofer Feldes und des Flughafens
- Was wird aus dem Flughafen Tempelhof? (Informationen der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung)
- Argumente für und gegen die Stilllegung Tempelhofs (amtliche Info zum Volksentscheid, .pdf-Datei);

Quelle: Senatsverwaltung Berlin, rbb-online, tempelhofer-feld.de
Bilder: Günter Wicker / Berliner Flughäfen, Scan einer Luftbrücken-Briefmarke vom Juni 1949 (via Wikipedia)
(ENDE) geschichtspuls/18.04.2008/mar (aktualisiert am 28. April 2008 / 27. Oktober 2008)

Blaetter fuer Genossenschaftsgeschichte
(Ein neues Angebot aus dem GeschichtsPuls-Netzwerk)


    RSS-Grafik
    Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie doch den GeschichtsPuls-Feed. So werden Sie immer mit den aktuellen GeschichtsPuls-Beiträgen versorgt. (Was ist RSS?)

    Und was sagen Sie dazu...?

    8 Kommentare
    Eigenen Kommentar verfassen »

    1. In Anbetracht dieser Historie wäre es eigentlich ja schade, wenn der Flughafen wirklich geschlossen wird. Persönlich bin ich für den Erhalt, auch wenn ich als Nicht-Berliner da nichts zu sagen habe.

      Eine Mehrheit der Berliner scheint es aber ähnlich zu sehen: 61 Prozent pro Weiterbetrieb:
      http://www.berlinonline.de/aktuelles/berlin/detail_ddp_2085491100.php

      Mal schauen, ob Sie sich am Sonntag durchsetzen.

    2. [...] Und das natürlich häufig mit aktuellem Bezug – wie aktuell zum Ende des “Flughafens Tempelhof“. Klasse, was ein einzelner Blogger auf die Beine stellen [...]

    3. Hallo, mit Entsetzen muss ich feststellen , dass sämtliche Mahnmale in die Landschaft “geknallt” werden aber so ein geschichtsträchtiger Flughafen geschlossen werden muss.
      Es ist traurig, dass hier unsere Geschichte so mißachtet wird. Na ja, wir haben ja noch in 1000 Jahren unter dem 2. Weltkrieg zu leiden ;o(
      Ich kann mich nur unserem “alten” und sehr guten Schauspieler Theo Lingen anschließen: traurig, traurig, traurig!
      Man kann auch aus diesem tollen Gebäude ein Museum, ein Festspielhaus, eine “Verweilmeile” und noch so viele tolle Dinge bauen unter anderem auch eine grüne Oase mitintgrieren. Mein Gott, fällt Euch allen nichts mehr ein als nur noch “abzureissen”!
      Wir sind über diesen Volksentscheid entsetzt!
      Rosi

    4. Was immer das mit dem 2. Weltkrieg zu tun haben soll… die tollen Gebäude stehen unter Denkmalschutz und werden nicht abgerissen, sondern zwangsläufig in das Nachfolgekonzept mitintegriert. Der Abriss der Gebäude war auch nicht Thema des Volksentscheides.

      Beste Grüße aus Berlin,
      k.

    5. @ Rosi: Ergänzend zur Aussage von Kamenin möchte ich Sie ausdrücklich auf die Internetseiten der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung aufmerksam machen (http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/staedtebau-projekte/tempelhof/de/zukunft/index.shtml). Hier können Sie sich über die aktuelle (endgültig beschlossen ist ja noch nichts) Nutzungskonzeption des Tempelhofer Feldes informieren. Zur Zukunkft der Flughafengebäude heißt es da: “Neben der Parklandschaft Tempelhof wird das Flughafengebäude eine herausragende Funktion erhalten. Eines der berühmtesten Gebäude der Welt mit knapp 300.000 qm BGF bekommt eine neue Zukunft. Das Tempelhof Forum THF wird die neue Berliner Adresse für Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft mit internationaler Ausstrahlung. Im Tempelhof Forum THF können bis zu 5.000 Arbeitsplätze entstehen.”

    6. [...] Auftakt geht es unter anderem angesichts des anstehenden Volksentscheides um die Geschichte des Berliner Flughafens Tempelhof, Filme aus dem Armeefilmarchiv der NVA, Hitlers willige Vollstrecker im Auswärtigen Amt sowie 100 [...]

    7. [...] wird nach 85 Jahren auf dem Berliner Flughafen Tempelhof der Betrieb eingestellt. Ergänzend zum Rückblick auf die Geschichte des Flughafens gibt’s hier als kleinen Abschiedsgruß noch eine kleine Informationssammlung rund um den [...]

    8. [...] Aus für den Flughafen Tempelhof ist gekommen, 60 Jahre nach seiner Hoch-Zeit während der Berlin-Blockade. Der Flugbetrieb ist [...]

    Einen Kommentar hinterlassen

    RSS-Grafik
    Sie wollen die Diskussion verfolgen? Abonnieren Sie den RSS-Kommentar-Feed...
    (Was ist RSS?)