Erinnerungsstätte Marienfelde erschließt Unterlagen zur DDR-Flucht

Rund 300 Aktenordner mit Schriftverkehr von DDR-Flüchtlingen in West-Berlin und der Bundesrepublik werden derzeit von der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde ausgewertet. Die Dokumente erlauben detaillierte Einblicke in die Situation der Neuankömmlinge im Westen und zeigen, mit welchen Repressionen das SED-Regime Flüchtlingen und ihren Angehörigen begegnete.

Wie sehr viele Flüchtlinge unter der Trennung von Freunden und Verwandten litten, wird in zahlreichen Schreiben an die zuständigen Berliner Behörden und Hilfsorganisationen deutlich. So formuliert etwa Bärbel K. 1963 in einem Brief an den Sozialsenator ihren innigsten Wunsch: ein einziges Mal nach sechs Jahren Trennung die Eltern in Ostberlin zu treffen, damit diese Ehemann und Kinder kennen lernen können. Der Senator rät der nach Köln übergesiedelten Ex-DDR-Bürgerin dringlich ab. Ihr Vorhaben drohe sie selbst in Gefahr und bei einer eventuellen Festnahme auch ihre Kinder in Schwierigkeiten zu bringen.

Trennungsschmerzen contra Verhaftungsgefahr

Dass solche Befürchtungen wohlbegründet waren, zeigt der ebenfalls 1963 dokumentierte Fall zweier 22-Jähriger: Von Heimweh und Sehnsucht nach den Angehörigen getrieben, wechseln die jungen Männer von West- nach Ostberlin, werden dort aufgegriffen und wochenlang im Lager Blankenfelde festgehalten, bevor man sie in den Westen abschiebt.

Von Verhaftungen ist in mehreren Akten die Rede. Else D. etwa wurde nach der Flucht ihres Ehemanns 1961 in der DDR verhaftet. Nach Verbüßung ihrer Haft kann sie in die Bundesrepublik übersiedeln. Die Aufenthaltserlaubnis und damit verbundene Hilfsleistungen werden ihr wegen überdurchschnittlicher seelischer Bedrängnis gemäß der Aufnahmepolitik der Bundesrepublik zuerkannt.

Darüber hinaus findet sich in den Akten auch Skurriles, unter anderem Heiratsgesuche. So möchte beispielsweise Werner B., ein Bundeswehrsoldat aus München, gern einer jungen Frau aus der DDR die Chance geben, “in geordneten Verhältnissen Sicherheit und Ruhe zu finden”. Doch derartige Anfragen wurden vom Sozialsenator grundsätzlich negativ beschieden: “Meine Flüchtlingsstelle in Marienfelde kann sich mit solchen Vermittlungen nicht befassen.”

“Hinter jeder Akte steht ein Schicksal. Mit Hilfe der Unterlagen können wir unser Bild von der Situation der Flüchtlinge vertiefen. Wir erfahren einmal mehr, welche Auswirkungen das unmenschliche DDR-Regime und das Ausgesperrtsein aus der früheren Heimat auf das Leben der Einzelnen hatten”, erläutert Bettina Effner, Leiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde. Das Ergebnis der Untersuchungen wolle man im Herbst 2008 in einer umfangreichen Broschüre der Öffentlichkeit vorstellen.

Weitere Informationen zum Thema Flucht und Ausreise aus der DDR finden Sie auf der Homepage der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde.


Quelle: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde
(ENDE) ddr-geschichtsblog/19.02.2008/mar

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    1. So formuliert etwa Bärbel K. 1963 in einem Brief an den Sozialsenator ihren innigsten Wunsch: ein einziges Mal nach sechs Jahren Trennung die Eltern in Ostberlin zu treffen, damit diese Ehemann und Kinder kennen lernen können. Der Senator rät der nach Köln übergesiedelten Ex-DDR-Bürgerin dringlich ab. Ihr Vorhaben drohe sie selbst in Gefahr und bei einer eventuellen Festnahme auch ihre Kinder in Schwierigkeiten zu bringen.

      Die DDR-Staatsbuergerschaft ging mit Republikflucht verloren.

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