Salzburg will Stadtgeschichte während des Nationalsozialismus aufarbeiten

Das Salzburger “Haus der Stadtgeschichte” hat ein auf mehrere Jahre angelegtes Projekt zur Aufarbeitung der Stadtgeschichte in der NS-Zeit gestartet. Zu kaum einer Thematik wurde und wird soviel publiziert wie zum Nationalsozialismus – das gilt allerdings nur partiell für die Geschichte des Nationalsozialismus in Salzburg, heißt es zur Begründung. Zwar gebe es etliche Einzelstudien, Arbeiten zu einzelnen Aspekten und Teilbereichen und auch zusammenfassende Überblicksdarstellungen. Eine fundierte Gesamtbetrachtung der Stadt Salzburg im Nationalsozialismus – auch unter Berücksichtigung der Nachwirkungen in der Salzburger Gesellschaft – fehle indes.


“Ich habe daher unser städtisches Archiv im Haus der Stadtgeschichte beauftragt, diesen Teil unserer Geschichte in einem Arbeitsschwerpunkt der nächsten Jahre wirklich umfassend aufzuarbeiten”, stellte Bürgermeister Heinz Schaden das Projekt “Die Stadt Salzburg im Dritten Reich” vor. Das Vorhaben – das im Dezember mit einem ersten Workshop beginnt – soll inhaltlich breit gefasst werden: Von besonderem Interesse für die Stadt Salzburg sind neben der Ereignisgeschichte verstärkt auch Fragen nach dem Geschehen “in der Breite” sowie nach den Wechselwirkungen zwischen sozialen Strukturen, kulturellen Präferenzen und politischer Herrschaft, wie sie sich auf lokaler Ebene darstellen.

Definierte Themenschwerpunkte:

- Vorgeschichte nationalsozialistischer Ideologien
- “Anschluss” und Machtübernahme
- “Braune Netzwerke” und “nationalsozialistische Stadtverwaltung”
- Die NSDAP und ihre Gliederungen
- Die Wehrmacht in der Stadt Salzburg
- Verfolgung und Terror
- Stadtplanung und Architektur (“Neugestaltungsstadt”, Wohnbauboom, Eingemeindungen etc.)
- Wirtschaft und Tourismus (Zwangsarbeiter, etc.)
- Kulturpolitik (Salzburger Festspiele, “Institut Ahnenerbe”, Mozarteum, Haus der Natur)
- Schule und Bildung
- Kommunale Sozialpolitik und Gesundheitspolitik (Deutsches Fürsorgerecht, Winterhilfswerk,
Rassenhygiene, Euthanasie etc.)
- Alltag im Nationalsozialismus
- Frauenbilder und -realitäten, Männerbilder und -realitäten
- Kirche und Nationalsozialismus
- Jüdische Bevölkerung (Arisierung, Zwangsauswanderung, physische Vernichtung)
- Festkultur und Sport (Propaganda, Volkstumspflege, Sportveranstaltung, Alpinismus etc.)
- Entnazifizierung

Für eine umfassende Dokumentation – unter Berücksichtigung von Kontinuitäten und Diskontinuitäten – wird zudem eine Verlängerung der Zeitachse über die Eckdaten 1938 und 1945 sowohl vor- als auch rückwärts als notwendig erachtet. Neben der Frühgeschichte des Nationalsozialismus und den Ursachen seiner hohen Akzeptanz geht es dabei auch um das Nachwirken jenes Gedankenguts, das ein derart menschenverachtendes Regime ermöglichte.


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Quellen aus anderen Archiven notwendig

Die im Salzburger Stadtarchiv liegenden Quellen, die über die nationalsozialistische Stadtverwaltung Auskunft geben können, sind nach Angaben der Stadt unvollständig und für die Bearbeitung des Themas bei weitem nicht ausreichend. Im Wesentlichen haben sich Archivalien zum einen “nur” nach juristischen Überlegungen erhalten, zum anderen wurden nach 1945 offensichtlich Spuren beseitigt. Korrespondenzen des Oberbürgermeisters mit den übergeordneten Stellen von Staat und Partei fehlen gänzlich, zudem wurde auch der Aktenbestand “Judengeschäfte” nach 1945 kassiert (wobei man allerdings vergaß, die dazugehörigen Karteikarten ebenfalls zu vernichten).

In der Folge sieht man sich in Salzburg nun gezwungen, für das Projekt auf externe Aktenbestände zuzugreifen. Die wichtigen Aktenbestände Reichsstatthalter (RSTH), Landesregierung, Präsidialabteilung sowie Gerichtsakten befinden sich im Salzburger Landesarchiv. Darüber hinaus sind aber auch Akten des Bundesarchivs Berlin (ehemals Berlin Document Center) und des Bundesarchivs Freiburg heranzuziehen. Zudem soll eine Recherche in umfangreichen US-Beständen erfolgen.

Dem Stadtarchiv stehen allerdings Quellen zur Verfügung, die erst in jüngerer Zeit vom Archiv übernommen werden konnten, wie das umfangreiche Fotoarchiv des ersten Salzburger Pressefotografen Franz Krieger (das jüngst auszugsweise in einem Fotoband veröffentlicht wurde) und die in der NS-Zeit verfasste offizielle Stadtchronik für die Jahre 1940 bis 1945. Das ebenfalls erhaltene Archiv des Architekten Otto Strohmayr gibt Einblick in nationalsozialistische Stadtplanung und Architekturfantasien.

Mehr zum Thema
Geschichte der Stadt Salzburg (Salzburger Stadtverwaltung)
Stadtarchiv Salzburg (Salzburger Stadtverwaltung)
Haus der Stadtgeschichte forscht zur NS-Zeit (Der Standard)
Verein: Freunde der Salzburger Geschichte

Quelle: Stadtverwaltung Salzburg
(ENDE) geschichtspuls/24.11.2008/mar

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