20 Jahre Mauerfall: Einschätzung von DDR-Funktionären zur Massenflucht in Ungarn

Zur Abwechslung mal wieder ein kleines Archiv-Fundstück im Wortlaut: Im Mai 1989 hatte Ungarn mit dem Abbau der Grenzbefestigungen zu Österreich begonnen – und damit bei vielen Ausreisewilligen in der DDR Hoffnungen geweckt. Mit Beginn der Sommerferien setzte die Massenflucht ein. Bis Mitte August warteten bereits rund 150.000 Ostdeutsche in Ungarn auf eine Möglichkeit, über die grüne Grenze nach Österreich zu gelangen. Unbeeindruckt von den Forderungen der DDR-Regierung – und gestärkt durch die abwartende Haltung der Sowjetunion – öffnete Ungarn schließlich in der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 seine Grenzen: Der Eiserne Vorhang in Europa zerriss!

Die DDR-Führung schien von der Entwicklung überfordert. Die Zeichen der Zeit konnte und/oder wollte man nicht erkennen, ebenso wenig wie man sich mit den Beweggründen der Flüchtlinge auseinandersetzen mochte. Wie die Situation von den ostdeutschen Parteifunktionären aufgefasst wurde, zeigt unter anderem eine Vorlage für die Sekretariatssitzung der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB, Massenorganisation der Bauern) vom 14. September 1989:

Viele Mitglieder äußerten Sorge und Unverständnis zu den gesetzwidrigen Ausreisen von DDR-Bürgern über Ungarn. Vor allem löste der hohe Anteil Jugendlicher bei unseren Mitgliedern Bestürzen aus. Wie viele andere vertritt auch XXX [Name anonymisiert] aus der Ortsorganisation Kobbeln, Kreis Eisenhüttenstadt, die Meinung, dass es empörend ist, jahrelang kostenlose Ausbildung und Qualifizierung in unserem Land zu genießen und uns jetzt illegal zu verlassen. Die meisten unserer Mitglieder erkennen, dass die organisierte Abwerbung von DDR-Bürgern skrupelloser Menschenhandel ist.

In den Gesprächen und Diskussionen wird aber auch sichtbar, dass feindliche Argumente nicht genügend durchschaut werden und ihre Wirkung hinterlassen. Aus der Bezirksorganisation Schwerin wird über solche Meinungen berichtet wie:

- So schlecht können die Arbeitslosen in der BRD doch nicht leben, wenn jetzt besonders junge Bürger unser Land verlassen.
- Wir arbeiten auch hart und müssen länger als 15 Jahre auf einen Pkw warten.

Mit Besorgnis verfolgen unsere Mitglieder die Entwicklung in der Volksrepublik Ungarn und in der Volksrepublik Polen. Es wird Unverständnis geäußert, dass nach und nach Prinzipien des sozialistischen Aufbaus preisgegeben und auch Machtfragen zur Diskussion gestellt werden.

(…)

Zahlreiche Mitglieder äußerten ihre Unsicherheit bei der Bewertung des derzeitigen Geschehens in der UdSSR. Besonders verwiesen sie dabei auf Streiks, Zwistigkeiten zwischen Nationalitäten und der beabsichtigten Abkehr einiger Länder vom Unionsverband.


Quelle: Vorlage an das Sekretariat der VdgB für die Sitzung am 19. September 1989, betr. Informationen u.a. über Stimmungen und Meinungen der Genossenschaftsbauern
(ENDE) geschichtspuls/15.09.2009/mar

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