Querfurter Platte: Schätze aus der Bronzezeit auf ICE-Baustelle

Mehr als 55.000 Funde aus der Jungstein- und der Bronzezeit haben Archäologen bei einer Großgrabung in Sachsen-Anhalt gefunden. Seit September 2008 untersuchen hier acht Teams eine rund 100 Hektar große Fläche an der ICE-Neubaustrecke Erfurt-Halle/Leipzig. An mehr als 15 Fundstellen haben sie bereits bis zu 7.300 Jahre alte Funde ans Tageslicht gebracht. 300 Gräber wurden bisher entdeckt, wie das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt mitteilt.

Luftbild der neuen ICE-Trasse auf der Querfurter Platte
Luftbild der neuen ICE-Trasse
auf der Querfurter Platte (LDA)

Die Querfurter Platte zwischen den Tälern von Saale und Unstrut wird seit mindestens 7.500 Jahren besiedelt – unter anderem wegen ihrer fruchtbaren Böden und der zur Salzgewinnung nützlichen Solequellen. Durch den Neubau des ICE-Trasse zwischen Erfurt und Halle/Leipzig der Deutschen Bahn AG ergab sich für die Archäologie die einmalige Chance, auf einer Länge von 22 km einen vollständigen Schnitt durch eine der bedeutendsten Siedelregionen Mitteldeutschlands zu ziehen. Dabei nimmt die geplante Streckenführung zur Freude der Wissenschaftler auch den Verlauf eines wichtigen Verkehrs- und Handelsweges, der späteren so genannten Wein- bzw. Kupferstraße, wieder auf.

Spuren mehrerer Kulturen dicht beisammen

“Interessant ist für uns, dass an ein und derselben Fundstelle gleich drei bedeutende archäologische Kulturen zusammen vorkommen”, erklärte Projektkoordinator Torsten Schunke. Das seien die Schnurkeramikkultur (2.700 bis 2.200 vor Christus), die Glockenbecherkultur (2.500 bis 2.100 vor Christus) sowie die Aunjetitzer Kultur (2.200 bis 1.800 vor Christus), in der das Metall ins Leben der Menschen Einzug hielt. Geradezu jung sei dagegen das slawische Gräberfeld aus dem neunten bis elften Jahrhundert.

Sitzende Frauenbestattung der Aunjetitzer Kultur, Bad Lauchstädt, Saalekreis
Sitzende Frauenbestattung der Aunjetitzer Kultur,
Bad Lauchstädt, Saalekreis (LDA)
Grab der Aunjetitzer Kultur mit zur Seite geschobener früherer Bestattung, Oechlitz, Saalekreis
Grab der Aunjetitzer Kultur mit zur
Seite geschobener früherer Bestattung,
Oechlitz, Saalekreis (LDA)

Bereits im ersten Jahr der Ausgrabungen förderten die rund 150 Grabungsmitarbeiter eine Reihe wissenschaftlich bedeutender und kulturgeschichtlich interessanter Ergebnisse zu Tage. So wurde bei Bad Lauchstädt ein Gehöft der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur entdeckt, die durch die Himmelsscheibe von Nebra in den letzten Jahren besonders in den Blickpunkt des Interesses gerückt ist. Das Gehöft von Bad Lauchstädt umfasste ein ca. 20 m langes Haupthaus und eine Reihe von Vorratsgruben. Wenige Meter vom Haupthaus entfernt lag eine kleine Gräbergruppe mit acht Bestattungen. Weitere Tote waren in ehemaligen Siedlungsgruben beigesetzt, darunter eine Frau in sitzender Position.

Die mit 7.300 Jahren bisher ältesten Funde wurden zwischen Oechlitz und Langeneichstädt gemacht. Sie gehören zur linienbandkeramischen Kultur der frühen Jungsteinzeit, der ältesten bäuerlichen Kultur Mitteleuropas. Inzwischen wurden hier bereits über 300 Gräber gefunden, von denen die Mehrzahl in die spätere, ausgehende Jungsteinzeit und die Bronzezeit zwischen 2.500 und 1.800 vor Christus datieren. Von den drei bedeutenden archäologischen Kulturen dieser Zeit, der Schnurkeramik-, der Glockenbecher- und der Aunjetitzer Kultur, haben sich hier außergewöhnlich gut ausgestattete Gräber erhalten.

Bestattung der schnurkeramischen Kultur mit Muschelscheiben, Oechlitz, Saalekreis
Bestattung der schnurkeramischen
Kultur mit Muschelscheiben,
Oechlitz, Saalekreis (LDA)

Einige der bei Oechlitz dokumentierten Bestattungen der schnurkeramischen Kultur der Jungsteinzeit enthielten Funde, die ursprünglich als Schmuck oder als Verzierung auf der Kleidung getragen wurden. Dazu gehören Kupfer- und Bernsteinobjekte ebenso wie hunderte durchlochter Hundezähne, oder in einem besonders spektakulären Fall tausende kleiner Muschelscheiben. Durch die detaillierte Dokumentation derartiger Objekte in ihrer ursprünglichen Lage kann die Kleidung, in der die Menschen des ausgehenden Neolithikums bestattet wurden, gut rekonstruiert werden. Aus Felsgestein geschliffene Streitäxte, die in einigen Männergräbern gefunden wurden, deuten an, dass es auch kriegerische Konflikte gegeben haben könnte.

Bei Oechlitz wurde auch die bisher größte Zahl von Bestattungen der Glockenbecherkultur gefunden, die zum Teil zeitgleich mit der schnurkeramischen Kultur verbreitet war. Einige der Gräber der Glockenbecherkultur waren recht aufwändig mit hölzernen Einbauten gestaltet, von denen sich Spuren erhalten haben. Kupferne Haarspiralen und eine kleine Dolchklinge belegen zudem den hohen Status, den einzelne der Bestatteten in ihrer Gemeinschaft eingenommen haben.

Aus der nachfolgenden frühen Bronzezeit des ausgehenden 3. Jahrtausends vor Christus sind es dagegen weniger die Funde, die die Archäologen begeistern, sondern die außergewöhnlichen Bestattungsweisen. In einigen Gräbern lagen die Bestatteten in mehreren “Etagen” übereinander. Andere Gräber wurden mehrfach hintereinander genutzt, wobei die früher bestatteten Toten hierfür regelrecht zur Seite geschoben wurden – eventuell ein Zeichen von Kontinuität in der Siedlung.

Slawisches Gräberfeld deutlich jünger

Freiputzen eines Skelettes, Oechlitz, Saalekreis
Freiputzen eines Skelettes,
Oechlitz, Saalekreis (LDA)

Auch aus jüngerer Zeit stammen bedeutsame Funde. Ein slawisches Gräberfeld des 9./10. Jahrhunderts nach Christus bei Oechlitz kann mit der frühen Geschichte des Ortes in Verbindung gebracht werden, dessen slawische Gründung auch historisch mit dem Ortsnamen belegt ist. Obwohl die Bestattungen nach christlichem Brauch mit dem Kopf im Westen ins Grab gelegt worden sind, deuten beigegebene Gefäße und Nahrungsmittelreste an, dass dennoch auch heidnische Traditionen in der Ausstattung der Toten weiter gepflegt wurden.

Die große Bandbreite der Spuren archäologischer Kulturen und die Zahl und Qualität der einzelnen Funde belegen die hohe Bedeutung, die der Region seit Tausenden von Jahren nicht nur als Siedlungsgebiet, sondern auch als Verkehrsroute zukommt. Der infrastrukturell wichtige Ausbau der ICE-Strecke durch die Deutsche Bahn AG bietet für die Archäologie Sachsen-Anhalts die einmalige Chance, die Siedlungsgeschichte einer ganzen Region auf einem vollständig untersuchten Teilstück zu dokumentieren und die Kulturgüter vor der Zerstörung zu bewahren.

Abschluss der Grabungen bis 2010

Von der Gesamtfläche von ca. 100 ha sind bereits 75 ha aufgezogen, so dass der Streckenbau der Deutschen Bahn AG wie geplant ab Ende 2009 parallel zu den archäologischen Untersuchungen durchgeführt werden kann. Bis Mitte 2010 sollen die Ausgrabungen noch laufen. Die Inventarisierungs- und Dokumentationsarbeiten werden wohl noch bis zum Frühjahr 2011 andauern.

Mehr zur Grabung auf der Querfurter Platte:
Bahnstrecken-Neubau in Sachsen-Anhalt: Forscher finden 4000 Jahre alte Skelette (SPIEGEL Online)
Archäologie: Forscher bergen Schätze aus der Bronzezeit auf ICE-Baustelle (ZEIT Online)
Neue Schätze aus der Grabungsstätte Oechlitz (mz-web.de)

Quelle/Bilder: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA)
(ENDE) geschichtspuls/20.10.2009/mar

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