Vor 40 Jahren

Willy Brandt und der Kniefall in Warschau

Der 7. Dezember 1970 – in der polnischen Hauptstadt wird der “Warschauer Vertrag” unterzeichnet und damit die Oder-Neiße-Linie als Polens westliche Staatsgrenze durch die Bundesrepublik anerkannt. Am gleichen Tag legt Bundeskanzler Willy Brandt einen Kranz am Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. Er rückt die Schleife zurecht, tritt einige Schritte zurück und sinkt plötzlich im stillen Gedenken auf die Knie – eine Geste, die um die Welt ging. “Unter der Last der jüngsten Geschichte tat ich, was Menschen tun, wenn die Worte versagen. So gedachte ich Millionen Ermordeter”, wird Brandt später sagen.

Brandts Geste der Demut gegenüber den Millionen ermordeten (polnischen) Juden war vor allem für viele junge Menschen ein lang erwartetes Signal. 25 Jahre waren zu diesem Zeitpunkt seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. 25 lange Jahre, in denen die junge Generation in der Bundesrepublik vergeblich gehofft hatte, dass sich ihre Eltern endlich den Verbrechen der Nazi-Herrschaft und ihrer damit verbundenen geschichtlichen Verantwortung stellen.

Stellvertretende Abbitte

Bei vielen Älteren war das Zeichen der Aussöhnung hingegen hoch umstritten und wurde vielfach abgelehnt. Das lag unter anderem auch daran, weil der Kniefall von einem Mann kam, der wegen seiner frühen Flucht aus Nazi-Deutschland als “Vaterlandsverräter” umstritten war. Er habe ja keine Ahnung gehabt im Exil, was es bedeutete, in der Diktatur zu leben. Doch gerade die fehlende eigene Verstrickung war es, die die Geste so glaubwürdig machte. Bundeskanzler Willy Brandt war genau deswegen einer der wenigen seiner Generation, der das Knie in Würde beugen konnte – und damit stellvertretend Abbitte für ein ganzes Volk leistete. Der mit Brandt nach Warschau gereiste SPIEGEL-Journalist Hermann Schreiber brachte das wenige Tage danach treffend auf den Punkt:

Wenn… [der für die Nazi-Verbrechen nicht verantwortliche Widerstandskämpfer Brandt] …dort niederkniet – dann kniet er da also nicht um seinetwillen. Dann kniet er (…) da für alle, die es nötig haben, aber nicht da knien – weil sie es nicht wagen oder nicht können oder nicht wagen können. Dann bekennt er sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat, und bittet um eine Vergebung, derer er selber nicht bedarf. Dann kniet er da für Deutschland.

(SPIEGEL, Nr. 51/1970 vom 14. Dezember 1970 – nachzulesen im SPIEGEL-Archiv: “Ein Stück Heimkehr” )

In der gleichen Ausgabe fragte der SPIEGEL übrigens auch schon prominent auf dem Cover: “Durfte Brandt knien?” Eine dazu beim Allensbacher Institut in Auftrag gegebene Umfrage ergab damals, dass 48 Prozent der Befragten Brandts Geste für übertrieben hielten. 41 Prozent bezeichneten sie als angemessen. Speziell bei der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen überwog mit 46 zu 42 Prozent knapp die Zustimmung (“Kniefall angemessen oder übertrieben?”, SPIEGEL 51/1970).

Mehr zu Brandts Kniefall in Warschau


Quelle: siehe Links
(Ende) geschichtspuls/07.12.2010/mar

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    1. Der Führer ist gegangen, die Nazis sind geblieben Adenauer, Konrad (Dr.) und sein Kabinett der braunen Schergen
      Konrad Adenauer, geboren 1876, gestorben 1967, Mitbegründer der CDU, von 1949 bis 1963 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Frage: Dürfen wir jemanden, der eine Mörderorganisation wie die SS rechtfertigt und deren Mitglieder als „anständige Leute“ bezeichnet, einen Schweinehund schimpfen? Meine Antwort: Wir dürfen! Frage: Dürfen wir es auch, wenn der derart Gescholtene Dr. Konrad Adenauer heißt? Nein? Dann nennen Sie uns einen Grund, weshalb wir es nicht dürfen!
      Dr. Konrad Adenauer. Er bestückte sein Kabinett mit ehemaligen ranghohen Nazis: Hans Globke, Theodor Oberländer, Waldemar Kraft, Franz-Josef Strauß, Karl Maria Hettlage usw..Was waren die Gründe? Nach meinen Recherchen gibt es zwei plausible Erklärungen:
      Der Lebenslauf des Dr. Konrad Adenauer war wie so viele Lebensläufe geschönt, wies braune Flecken auf. Dr. Konrad Adenauer war der Meinung, dass die Nazis die besseren Deutschen und die wahrhafte Patrioten seien, im Gegensatz zu jenen Deutschen die im Widerstand waren oder während der Nazizeit emigrierten. Auf die Nazis konnte man sich verlassen, wenn es darum ging, Entschädigungsansprüche zu minimieren und besetzte Gebiete wieder einzugliedern. Adenauer hegte stets große Sympathien für die Mörderbanden der SS. Dies geht aus den nachfolgenden Dokumenten zweifelsfrei hervor. So schrieb im Oktober 1955 Bundeskanzler Dr. Adenauer an den FDP-Abgeordneten General a.D. von Manteuffel, der sich, wie seine Fraktionskollegen, für die Angehörigen der SS-Verbände einsetzte:
      „Ich weiß schon längst, dass die Soldaten der Waffen-SS anständige Leute waren. Aber solange wir nicht die Souveränität besitzen, geben die Sieger in dieser Frage allein den Ausschlag, so dass wir keine Handhabe besitzen, eine Rehabilitierung zu verlangen… Machen Sie einmal den Leuten deutlich, dass die Waffen-SS keine Juden erschossen hat, sondern als hervorragende Soldaten von den Sowjets gefürchtet war…“
      gezeichnet: Dr. Konrad Adenauer, Bundeskanzler

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