Historikertag 2010

Zur Historie Europas: Geschichtsportale im Internet

Ganz dem Motto des Historikertages “Über Grenzen” entsprechend, haben sich in einer Sektion am Mittwoch drei Internetportale zur Europäischen Geschichte vorgestellt. In der anschließenden Diskussion zeichnete sich ein Generationskonflikt darüber ab, wie stark sich die vorgestellten Portale auf die Möglichkeiten des Internets einlassen. Teilweise wurden die Webprojekte als “online gestellte Essaysammlungen” bezeichnet, deren Macher “immer noch in Büchern denken”.

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Das erste vorgestellte Projekt war das “Themenportal Europäische Geschichte” – ein Unterportal von clio-online.de. Das nach Themenmodulen strukturierte Portal veröffentlicht “Materialien (…) und Darstellungen zur Geschichte Europas und der Europäer/innen vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart.” Wie bei Printmagazinen durchlaufen auch hier alle veröffentlichten Artikel einen Reviewprozess durch die Herausgeber (Professorengruppe). Jeweils zum Monatsende informiert ein Newsletter über alle neu erschienenen Beiträge. Interessant waren zudem die informativen Ausführungen des Mitherausgebers Rüdiger Hohls über die Schwierigkeiten, die Nutzung von Quellen innerhalb des Portals rechtlich abzuklären.

Hier geht’s zur Webseite: europa.clio-online.de

Die zweite vorgestellte Webseite war EGO – Europäische Geschichte online. Das auf vier Jahre (bis 2013) angelegte Projekt des Instituts für Europäische Geschichte Mainz richtet sich an einen “akademisch gebildeten Adressatenkreis” (Historiker, Doktoranden, Journalisten, …). Ziel ist es, Europa als dynamischen Kommunikationsraum und nicht als Summe von Nationalstaaten darzustellen. Zudem gaben die Referenten einen Einblick in die geplante Struktur und das Layout der Webseite. Diese ist nämlich noch gar nicht öffentlich zugänglich. Die Freischaltung mit den ersten 75 von geplanten 200 Texten ist für den 3. Dezember 2010 anvisiert. Auch hier sollen die Texte vorab von einem 22-köpfigen Redaktionsteam geprüft werden.

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Mainzer Instituts für Europäische Geschichte: Europäische Geschichte Online

Als drittes Portal wurde “Eurviews – Europa im Schulbuch”, ein Reviewprojekt des Georg-Eckert-Instituts über die Definition von Geschichte, vorgestellt. Hier werden Texte, Karten und Bilder aus Geschichtsschulbüchern aus allen europäischen und etlichen nichteuropäischen Ländern gesammelt. Die Quellen werden auf dem Portal in der Originalsprache sowie in deutscher und englischer Übersetzung veröffentlicht, kommentiert und in ihren bildungsgeschichtlichen Kontext eingeordnet. Die Betreiber sehen Geschichtsbücher als “zentrale Identifikationsressource”, die Werte wiedergeben und dabei Komplexität reduzieren.

Hier geht’s zur Webseite: eurviews.eu

In einer anschließenden Diskussionsrunde ging es unter anderem um die Frage, warum die Projekte jetzt eigentlich als Onlineportale und nicht als herkömmliche Printmagazine umgesetzt werden. Dies wurde vor allem mit der Flexibilität des Mediums Internet, der höheren Reichweite und des besseren internationalen Anschlusses begründet. Aber auch die mögliche Einbindung multimedialer Quellen, die Verlinkung zu weiteren themenrelevanten Informationsangeboten (Materialsammlungen) sowie die bessere Mobilisierungsfähigkeit hinsichtlich neuer Autoren spielen eine Rolle.

Wie web-gemäß sollen die Geschichtsportale sein?

In der Diskussion zeichnete sich aber auch ein Generationskonflikt darüber ab, wie stark sich die vorgestellten Portale auf die Möglichkeiten des Internets einlassen. Gerade von den jüngeren und/oder internetaffineren Kommentatoren/Diskutanten wurde kritisiert, dass die Projekte “nicht Papier sind, aber noch immer demselben Standard folgen.” So bezeichnete Isabella Löhr die Webseiten – in meinen Augen sehr zutreffend – als “online gestellte Essaysammlungen”, deren Macher “immer noch in Büchern denken”. (Das wurde unter anderem auch an den Plänen der Herausgeber des “Themenportals Europäische Geschichte” deutlich, die Texte einzelner Themenmodule in einem späteren Schritt wieder als gedrucktes Buch veröffentlichen zu wollen.) Zudem sieht Löhr unausgeschöpftes Potenzial, da eine Popularisierung der Wissenschaft nicht stattfinde (“Forscher schreiben für Forscher”). Der als “Scienceblog-Zeittaucher” bloggende Studienrat Christian Jung forderte mehr “Web 2.0-Elemente wie Twitter und Facebook”, um die Verbreitung der Artikel zu erleichtern, sowie eine stärkere Vernetzung innerhalb eines Portals und auch über dessen Grenzen hinweg. Zudem wurde mehrfach der Wunsch nach einer Kommentar- bzw. Diskussionsfunktion für die einzelnen Artikel geäußert – was von den anwesenden Portalbetreibern leider recht deutlich mit dem Verweis auf einen durch sie nicht leistbaren Mehraufwand (Personal für Kommentarregie) abgelehnt wurde.

(Ende) geschichtspuls/30.09.2010/mar

Blaetter fuer Genossenschaftsgeschichte
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    6 Kommentare
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    1. Bei diesem Link: “Hier geht’s zur Webseite: eurviews.eu” hat sich ein Fehler eingeschlichen. Er leitet weiter auf: “http://www,eurviews.eu” und ein Komma hat da nichts zu suchen ;)

    2. Danke für den Hinweis, Erol. Fehler ist korrigiert.

    3. [...] zu gedruckten Büchern? Über diese Frage konnte ich mich im Anschluss an die interessante Sektion Internetportale zur Europäischen Geschichte mit Dr. Thomas Schaber, Verlagsleiter des Franz Steiner Verlags, unterhalten. Schaber [...]

    4. In dieser Hinsicht vielleicht noch interessant: www.qhistory.de ein Geschichtsmagazin von Studenten der Uni-Münster.

    5. [...] und Lehrenden über die Chancen und Probleme, die das Medium der Geschichtswissenschaft bietet. Am Ende wurde offenbar, dass gerade jüngere oder internetaffinere User sich mehr Web 2.0 Elemente in [...]

    6. [...] will. Derzeit wird die Seite auf Englisch betrieben. Auf GeschichtsPuls finden Sie weitere Links zu online-Projekten und -Plattformen der Kolleginnen und Kollegen, etwa zur European Holocaust Research Infrastructure oder zum Projekt [...]

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