Markenjubiläum: 110 Jahre Aspirin

Beim Pharmakonzern Bayer wird dieser Tage der 110. Markengeburtstag des Kopfschmerzmittels Aspirin gefeiert. Im März 1899 wurde das Medikament in die Warenzeichenrolle des Kaiserlichen Patentamtes in Berlin aufgenommen und damit offiziell zur Marke. Seither hat Aspirin, dessen Wirkstoff schon die Ägypter vor 3.500 Jahren nutzten, nicht nur die Welt erobert: Auf der Internationalen Raumstation ISS ist das Schmerzmittel fester Bestandteil der Bordapotheke…

Aspirin-Werbeplakat, 1952 Die Wurzeln des Kopfschmerzmittels reichen mehr als 3.500 Jahre zurück. Bereits in ägyptischen Heilrezepten aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Christus wurde einen Aufguss aus trockenen Myrteblättern gegen Rheuma- und Rückenschmerzen empfohlen. Rund tausend Jahre später verordnete Hippokrates von Kos, der Urvater aller Ärzte, gegen Fieber und Schmerzen einen aus der Rinde des Weidenbaums gewonnen Saft. Der schmerzlindernde Wirkstoff sowohl im Saft des Weidenbaums als auch in den Myrteblättern ist – wie man heute weiß – die Salicylsäure. Ihr Name ist deutet übrigens auf diesen Ursprung hin. Er ist abgeleitet von dem lateinischen Wort für die Weide: Salix. Heute wird der Wirkstoff aufgrund seiner Wirksamkeit, Verträglichkeit, weltweiten Verfügbarkeit und dem Preis von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der “Liste unentbehrlicher Arzneimittel” geführt.

Eine Tablette erobert die Welt

Am 10. August 1897 gelang es dem Bayer-Chemiker Dr. Felix Hoffmann (so die Unternehmens- geschichtsschreibung) erstmals, den Wirkstoff von Aspirin, die Acetylsalicylsäure (ASS), in einer chemisch reinen und stabilen Form zu synthetisieren. Zwei Jahre später wurde es, zunächst in Pulverform, unter dem Namen Aspirin auf den Markt gebracht. Der Begriff setzt sich zusammen aus “A” für das Acetyl, “Spir” als eine Anlehnung an die mit Salicylsäure chemisch identische Spirsäure aus dem Saft der Spirstaude sowie “In” als eine damals gebräuchliche Endung für chemische Stoffe. Dass das Präparat nach dem Bischof von Neapel und Schutzpatron gegen Kopfschmerzen, dem heiligen Aspirinus, benannt wurde, ist laut Bayer nur eine Legende.


Am 1. Februar 1899 wurde der Name als Markenbezeichnung beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin angemeldet und am 6. März unter der Nummer 36433 in die Warenzeichenrolle eingetragen. Ab Mai 1899 wurde das Medikament – vorerst noch in Pulverform – im ersten deutschen Aspirin-Werk in Elberfeld bei Wuppertal produziert. Sieben Jahre später wurde Aspirin bereits als weltweite Marke registriert.

Seither hat sich Aspirin zu einem Synonym für (Kopf-)Schmerzmittel entwickelt. Auch wenn es zwischendurch auch immer wieder Rückschläge gab. So wurden beispielsweise während des Ersten Weltkrieges in den USA das Aspirin-Patent und das Bayer-Werk beschlagnahmt und 1919 an ein heimisches Unternehmen verkauft. Erst 1994 gelang es Bayer, die Markenrechte wieder zurückzukaufen.

Mehr zur Geschichte von Aspirin gibt’s in einer Animation auf aspirin.de.


Übrigens, was mir in diesem Zusammenhang mal wieder auffällt, ist die bei vielen Unternehmen noch immer verbreitete Einstellung, die Zeit des Nationalsozialismus als “weißen Flecken” in der Unternehmensgeschichte zu behandeln. So gibt es in der Aspirin-Animation abgesehen von einigen Verpackungs-, Werbe- und Produktionsbildern keine Informationen zur Geschichte zwischen 1933 und 1945. Dabei sind etwa zwei Bilder mit “Spezialverpackungen” zu sehen, doch warum diese speziell waren wird ebenso wenig erwähnt wie überhaupt der Begriff Nationalsozialismus oder der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Dass man nicht unbedingt auf die Einbindung in die IG Farben eingehen will, kann ich ja noch verstehen. Aber die gesamte Zeit nicht zu thematisieren… so was erscheint mir persönlich immer etwas suspekt.

Wer hat’s erfunden?

Ebenfalls unerwähnt bleibt die Frage nach der Rolle von Arthur Eichengrün, der die Entwicklung des Aspirins für sich beanspruchte. Der 1949 verstorbene Chemiker jüdischer Abstammung arbeitete von 1896 bis 1908 im pharmazeutischen Forschungsinstitut der Bayer AG (unter anderem als Forschungsleiter). Anschließend gründete er in Berlin eine eigene pharmazeutische Fabrik, die Cellon-Werke. 1938 wurde es von den Nationalsozialisten “arisiert”, Eichengrün später in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. 1999 kam Walter Sneader, Medikamentenhistoriker von der schottischen Universität Strathclyde, in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass die Entdeckung der Azetylsalizylsäure tatsächlich Eichengrün zugeschrieben werden muss. Zwar sei es Hoffmann 1897 tatsächlich als erstem gelungen, den chemischen Stoff zu synthetisieren, das allerdings nur unter der Anleitung von Eichengrün.

Mehr zum Thema:
Hoffmann oder Eichengrün – Zur Studie von Walter Sneader Artikel von Walter Sneader im British Medical Journal (engl.)
Antworten zum Artikel Sneaders British Medical Journal (engl.)
Aspirin: Eine kriminelle Geschichte? (Spiegel Online)

Quelle: Bayer Vital, zudem siehe Links
Bild: Historisches Werbeplakat aus Deutschland im Jahr 1952 (obs/Bayer Vital GmbH)
(ENDE) geschichtspuls/12.03.2009/mar


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4 Kommentare
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  1. [...] Pulverform – im ersten deutschen Aspirin-Werk in Elberfeld bei Wuppertal produziert……. 110 Jahre Aspirin: Ein Kopfschmerzmittel feiert Geburtstag | GeschichtsPuls Prinzipielle Frage: Ist so eine Geschichte hier berhaupt am richtigen Platz oder sollen hier eher [...]

  2. [...] auf diesen Ursprung hin. Er ist abgeleitet von dem lateinischen Wort fr die Weide: Salix…. 110 Jahre Aspirin: Ein Kopfschmerzmittel feiert Geburtstag | GeschichtsPuls In unseren Breiten sind die rund 400 vorkommenden Salix – Arten die hauptschlichen [...]

  3. [...] um sich seine Konkurrenzvorteile damit zu sichern. Ein gelungenes Beispiele dafür liefert Aspirin. Die Entdeckung der Reinsynthese von Azetylsalizylsäuredessen durch Arthur Eichengrün erfolgte [...]

  4. Die Doppelgroßstadt Elberfeld-Barmen – kurz als das erste große Industriezentrum Deutschlands respektvoll das “Wupperthal” genannt, heißt heute offiziell Wuppertal. Elberfeld liegt also nicht bei Wuppertal, sondern ist einer der beiden Hauptstadteile von Wuppertal und lange zeit Firmensitz von Bayer gewesen nach dem der Konzern 1863 in Wuppertal-Barmen geründet wurde vom Wuppertaler, oder damals Barmer, Freidrich Bayer.
    Bayer ist also ein Wuppertaler Unternehmen wurde durch die bedeutenden Erfindungen in Wuppertal auch hier bereits zum Weltkonzern. Wuppertal war nach Berlin aber am bevölkerungsreichsten in Deutschland und das Werk in Elberfeld lag mitten in der Stadt, so musste man um expandieren zu können auf das Land ausweichen ins beschauliche Wiesdorf, das heute Leverkusen heißt und völlig überbewertet wird. Die Medikamente werden zum größten Teil überigend heute noch im Stammwerk in Wuppertal entwickelt in einem der größten Pharma-Forschungszentren der Welt am Apprather-Weg in Wuppertal Elberfeld!!!

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