Brauchtum: Kleine Geschichte der Schultüte

5. September 2008 | Kategorie: Kulturgeschichte, Small-Talk-Wissen, aktuell | Tags: , , , , , , ,

Kurz notiert: In einigen Bundesländern werden dieser Tagen die kleinen ABC-Schützen eingeschult. Für viele leuchtende Augen sorgt dabei nach wie vor die Schultüte. Ihr Brauch reicht zurück bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Erste Zuckertüten – damals noch mit Naschereien, Obst und Nüssen gefüllt – sind in Jena (1817), Dresden (1820) und Leipzig (1836) nachgewiesen worden. Damals wurde den Kindern erzählt, dass im Keller jeder Schule ein Zuckertütenbaum stehen würde. Wenn die Tüten groß genug seien, wäre es für die Kleinen höchste Zeit, zur Schule zu gehen. Auch eine Möglichkeit, den Kindern den Eintritt in den “Ernst des Lebens” zu versüßen.


“Der Brauch, ABC-Schützen bei der Einschulung eine Tüte voller Geschenke zu überreichen, hat seinen Ursprung in Thüringen und Sachsen”, erläutert Landeskundler Alois Döring, der Forschungen zur Geschichte der Schultüte angestellt hat, gegenüber dem WDR Mit der Wende zum 20. Jahrhundert trat die Schultüte dann (zuerst in den Städten, dann auch auf dem Land) ihren Siegeszug an – propagiert unter anderem durch die Kaufhäuser, die das große Geschäft witterten. Die Lehrer waren darüber gar nicht erfreut, schließlich zeigten Größe, Form und Füllung, welches Kind arm und welches reich ist. Doch selbst Verbote nützten nichts: Die Schultüte gehörte einfach dazu. Kein Fotoalbum ohne Erinnerungsfoto mit Schultüte und Tafel mit der Aufschrift “Mein erster Schultag”. Daran änderten dann auch die recht erfolglosen Versuche der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren nichts mehr, die individuellen Schultüten durch eine “Einheitstüte” zu ersetzen (siehe Foto beim DHM).

Während die Schultüte hierzuland nahezu ein “Standardausstattung” für jeden Schulanfänger ist, blieb ihr der internationale Durchbruch hingegen verwehrt. Bis heute ist der Brauch außer in Deutschland lediglich in Österreich und der Schweiz verbreitet. Da drängt sich doch gleich eine Frage an die ausländischen Leser / Leser mit Auslandserfahrung des GeschichtsPulses auf: Wie wird denn die Einschulung in anderen Ländern / Kulturkreisen gefeiert?



Mit Quellen von: WDR, MDR – Radio Sachsen, Landschaftsverband Rheinland, DHM
(ENDE) geschichtspuls/05.09.2008/mar

Post to Twitter Twitter diesen Beitrag

RSS-Grafik
Fanden Sie diesen Artikel interessant? Dann abonnieren Sie doch den GeschichtsPuls-Feed. So werden Sie immer mit den aktuellen GeschichtsPuls-Beiträgen versorgt. (Was ist RSS?)

Und was sagen Sie dazu...?

3 Kommentare
Eigenen Kommentar verfassen »

  1. Ich habe mich kurioserweise gerade diese Woche mit “unserem” Franzosen auf Arbeit über die Einschulung unterhalten. Er hat mir erzählt, dass es in Frankreich weder Schultüten noch eine Einführungstag für die neuen Schüler gibt. Das führt dort auch zu sehr emotionalen Szenen am ersten Schultag, wenn die Kinder früh abgeliefert und direkt ins kalte Schulwasser geschmissen werden. Da lob ich mir doch unseren Einführungstag, an dem die Kinder recht behutsam an den neuen Lebensabschnitt herangeführt werden – und der ihnen obendrein auch noch versüßt wird :-)

  2. Guten tag, ich lebe mit meiner Familie in Australien. ich bin in Dt. geboren und auch aufgewachsen. ich hatte als Kind eine Schultüte und wollte das unserer Tochter nicht vorenthalten. Und auch nicht ihren australischen Mitschülern. Ihre Einschulung war heute. Wir haben jetzt hier Sommer. Ich habe einen Artikel darüber geschrieben. Wären Sie daran interessiert?

    Freundliche Grüße Marit Dew

  3. Hallo Marit,
    ist der Artikel schon im Internet zu finden? Dann posten Sie doch bitte den Link dazu…

Einen Kommentar hinterlassen

RSS-Grafik
Sie wollen die Diskussion verfolgen? Abonnieren Sie den RSS-Kommentar-Feed...
(Was ist RSS?)